Die 8 gefährlichsten Fehler der 'Wing Chun' Systeme

GM Sifu K. Brand 2011

1. Die Arme (Man / Wu) zu tief

 

Jeder geübte und intelligente Angreifer attackiert zum Kampfbeginn den oberen Körper seines Gegners. Er wird seine Arme zum Angreifen benutzen und niemals seine Flexibilität bzw. seinen Stand für einen Tritt aufgeben. Fertigkeit und Wissen eines erfahrenen Kämpfers werden in der Realität niemals solch ungeschützte Aktionen zulassen. Mit den Beinen greift nur an wer auf eine sportliche Verteidigung hofft und sich damit schon lange von der Selbstverteidigungsfähigkeit verabschiedet hat.

 

Die Handgelenke, der Schutz- und Vorbereitungspositionen, werden in Höhe des oberen Brustbeinknochens positioniert (Schulterhöhe). Eine sinnvolle Verteidigung aus einer tieferen Position ist genau so unmöglich wie ein Angriff aus einer solchen. Eine gute Positionierung spart Zeit. Zeit ist wahrhaftig einer der bedeutendsten Faktoren in der Kriegskunst. Wer sein Ziel erreichen möchte, sollte seine Arme (Waffen) beim Start nicht verstecken und seine Beine zum Stehen und Gehen nutzen. Ich will nicht behaupten, dass man seine Beine nicht ebenfalls zum Kämpfen einsetzen kann. Zum Kampfbeginn wäre das allerdings eine Farce.

 

2. Stand (Zi Ng Ma)

 

Das Gewicht darf beim Kampfstand niemals auf das hintere Bein verlagert werden. Wenn der Körper nicht unter Spannung steht und entsprechend nach vorne geschoben wird, besteht keine Möglichkeit, schnell nach vorne zu gehen. Wer vollständig auf seinem hinteren Bein steht, drückt seinen Körper physikalisch gesehen nach oben und kann sich somit nicht nach vorne verteidigen. Seine eigene oder die Kraft des Gegners würde ihn nach hinten werfen. Die Spannung und der Drang nach vorne sind selbst für die mentale Vorbereitung grundlegend. Der Stand ist die Vorbereitung zum Schritt. Wer weiß welche Schritte auf welchen Stand passen und welche Stände auf welche Schritte folgen hat den Nutzen seiner Beine erkannt. Wer in der Lage ist aus einem Stand einen passenden Schritt mit einer geeigneten Armtechnik zu kombinieren hat die Grundlagen verstanden.

 

3. Kontakt abwarten

 

Das Fatalste in der Evolution der Kriegskünste ist die Irrlehre, man könne noch bei Kontakt mit den gegnerischen Armen während eines Angriffes angemessen reagieren. Die Evolution wird ganz sicher schon in kürzester Zeit dafür sorgen, dass diese absurde These baldigst (endlich) ausstirbt. Dieser Fehler entbehrt jeder Logik und ist typisch für die unzähligen Träumer und Fantasten der Szene. Wer in diesem Glauben gefangen ist, kann unmöglich wissen wie ein Angriff oder eine Verteidigungssituation aussieht und vor allem wie sich eine solche tatsächlich anfühlt. Es gilt die erste Kollision zu überstehen. Der Anfang ist der heftigste Moment einer Auseinandersetzung.

 

4. Zu viele Fauststöße (Tsong Kuen)

 

In einer Selbstverteidigungssituation kann man nur einen starken Fauststoß innerhalb einer Sekunde durchführen. Es gibt also nur einen einzigen brauchbaren Fauststoß in einer Sekunde. Wenn der erste Fauststoß trifft braucht man keinen Zweiten. Wer in der Selbstverteidigung zwei Fauststöße braucht, sollte den Ersten solange üben bis er ihn beherrscht und keinen Zweiten benötigt. Einen funktionellen Fauststoß zu beherrschen ist die Basis und das Ziel einer jeden Kampfkunst. Man sollte beim Training darauf achten niemals mehr als maximal einen Fauststoß in einer Sekunde zu schlagen beziehungsweise zu üben. Und vor allem sollte man beim Üben nicht in der Sekunde in der man den ersten Fauststoß verrichtet bereits den Start eines zweiten initiieren. Das zu beachten hat höchste Priorität im Selbstverteidigungsunterricht. Wer zwei Fauststöße pro Sekunde trainiert, übt sich in Quantität und ist daher garantiert verteidigungsunfähig. Mehr ist nicht zwangsläufig besser. Mit zwei Fauststößen in einer einzigen Sekunde kann man sicherlich niemanden erschrecken und schon gar nicht stoppen.

 

Ein Selbstverteidigungslehrer der mehr als einen Fauststoß pro Sekunde üben lässt hat das Thema verfehlt und ist nicht ernst zu nehmen. Wer sogar noch mehr als zwei Fauststöße pro Sekunde übt kann sich unmöglich für Selbstverteidigung interessieren und wäre wohl eher eine Bereicherung für jedes Massagestudio.

 

5. Schlagen von der Körpermitte

 

Seit der esoterischen Schmusewelle der 80er hat sich in den meisten 'Wing Chun' Stilen das Schlagen aus der Körpermitte als universelle Lösung etabliert. Und seit dieser Zeit gibt es dafür nicht eine vernünftige Begründung. Die Schläge aus der Körpermitte sind die schwächsten überhaupt und nur in sehr wenigen Konstellationen anwendbar. Natürlich muss auch dies trainiert werden, auch wenn die Anwendungsmöglichkeiten äußerst gering bleiben. Es wurde vergessen oder ignoriert, dass Schläge von außen nicht nur die stärksten sind, sondern auch die von der Körpermitte kommenden Schläge sehr leicht verdrängen können. Schläge von außen können selbst nicht verdrängt werden und bedürfen einer sehr stabilen Abwehr. So vermeidet man in der Selbstverteidigung soweit möglich Schläge aus der Körpermitte. Einer der wichtigsten Aspekte unseres Systems ist es daher zu erlernen, gerade und geschwungene Schläge von außen abzuwehren. Daher beinhaltet keine einzige Sektion einen Fauststoß aus der Körpermitte.

 

Soweit ich mich erinnere wird das Schlagen aus der Körpermitte von den selben Spaßvögeln trainiert, die versuchen sich mit verbundenen Augen zu verteidigen (siehe meine Ausfertigung 'Sapere Aude'). Für diese Gruppierung ist das schon in Ordnung. Und schön weich bleiben damit auch nichts passiert und das kameradschaftliche Wohlfühlgefühl unter Männern erhalten bleibt ;-)

 

6. Kontakt halten

 

Ein schlimmer Fehler ist das Halten von Kontakt zu den Armen des Gegners nach einem Angriff oder einer Abwehr. Dieser Fehler entsteht durch technische und kombinative Unfähigkeit, kann jedoch schon mit den simpelsten Übungen recht schnell behoben werden. In unseren ersten fünf Programmen der Grundstufe sind bereits die wichtigsten Anwendungen aller Formen, bis hin zur Holzpuppenform (Mok Yan Jang) enthalten. Wir nennen die Programme der Grundstufe daher gerne "The Best Of". Sie sind der Querschnitt der unentbehrlichen und verbindungsfähigsten Techniken des Systems. Wer die Grundstufe beherrscht versteht den Weg den er begeht.

 

7. Nachgeben

 

Ein geübter Kämpfer gibt niemals nach. Aufgrund körperlicher oder technischer Schwächen neigen ungeübte dazu sich Positionen zerstören bzw. eindrücken zu lassen. Nachgeben führt zum Verlust der Kontrolle. Tatsächlich üben viele diesen Kontrollverlust freiwillig und haben anstelle eines effektiven Trainings eine passive Berührungskunst erfunden. Selbstverständlich erspart einem diese Variante das harte und realistische Training. Aber um sich das zu ersparen könnte man auch zu Hause bleiben. Der Effekt wäre tatsächlich derselbe. Niemals darf man den Fehler begehen Flexibilität mit Nachgiebigkeit zu verwechseln. Wer nachgibt gibt definitiv seine Flexibilität auf, da er sich nur einen Weg offen lässt. Nachgeben ist ein Synonym für Resignation und Kapitulation und ist das Gegenteil von Flexibilität. Flexibilität ist die Freiheit sich alle möglichen Wege offen zu halten.

 

Der Klügere gibt so lange nach bis er der Dümmere ist.

 

8. Kraft nicht einsetzen

 

In einer gefährlichen Situation die eigene Kraft nicht vollständig einsetzen zu wollen ist nicht nur leichtsinnig sondern schwachsinnig. Durch die Ausschüttung von Adrenalin in einer Stresssituation (in der ersten Phase) werden Herzfrequenz und Atmung stimuliert. Adrenalin setzt unter anderem Glucose aus den Energiespeichern der Muskulatur frei. Es nicht zu nutzen kann man trainieren so lange man möchte. Es wird faktisch niemals funktionieren. Wer nicht lernt seine Muskulatur und seine Kraft voll einzusetzen kann sich niemals gegen starke Gegner verteidigen. Es gilt sich zu stärken. Ein gutes Selbstverteidigungstraining stärkt nicht nur die Muskulatur, die Bänder und die Knochen, sondern letztendlich die Technik und den Geist. Wer sich stark fühlt, fühlt sich wohl und gesund.

 

Schwach, weich und passiv zu sein ist nicht das Ziel. Dies war der Anfang als wir unsere Milch noch aus der Nuckelflasche tranken und unsere Mutter uns den Allerwertesten abwischte.

 

 

Fazit

 

Die oben beschriebenen Fehler könnten einen Szenenfremden verwirren. Meine Abhandlungen dienen der allgemeinen Aufklärung und der Vermeidung von wertlosen Trainingsangeboten. In meiner Zeit vom Lehrer bis hin zum Meister und Großmeister lernte ich eine Menge Lehrer aus anderen Stilrichtungen kennen die genau diese Fehler begannen und mit vielen in einer Sackgasse der Hilflosigkeit endeten. Einige davon starteten unter meiner Leitung von vorne, andere resignierten leider nach etlichen Jahren des Trainings in die falsche Richtung. Kaum zu meiner Verwunderung, denn die Resignation, also das Nachgeben, war exakt das was sie lernten und übten. In unserer Szene war fast ein Jeder in seinen jungen Jahren dem Irrglaube erlegen, man könne sich auch ohne Kraft verteidigen. Ich bin mir nicht mehr genau sicher aus welchem Grund, aber wir waren auf der Suche nach Weichheit, Nachgiebigkeit und anderem Quatsch den die Welt nicht braucht. Heute kann ich über diese Jahre aus ganzen Herzen laut lachen. Ohne Kraft geht gar nichts. Kraft ist die Grundlage unserer Existenz. Doch diese lustigen Jugendsünden seien uns verziehen. Der gesunde menschliche Verstand erkennt sehr schnell wenn etwas nicht stimmt, erlaubt aber zuweilen nicht dies auch zuzugeben. Besonders dann, wenn man sich einer Sache seit etlichen Jahren widmet, kann man nicht von heute auf morgen angenommene Überzeugungen über Bord werfen auch wenn das vorgegebene (vorgegaukelte) Ziel definitiv niemals erreichbar ist. Ein solcher Fehler kostet meist wertvolle Jahre. Wer zur Einsicht kommt hat diese Jahre jedoch nicht verloren.

 

Wenn Du lernen möchtest Dich zu verteidigen, solltest Du bereit sein in die Tiefe der Kunst des Krieges vorzudringen. Du solltest bereit sein alle Facetten des Kampfes und der daraus entstehenden Gefahren kennen zu lernen. Um andere (kämpferisch) beherrschen zu können musst Du lernen Dich selbst zu beherrschen. Du musst Dir außergewöhnliche Fertigkeiten aneignen und lernen diese im richtigen Moment einzusetzen. Das zu erreichen setzt einen starken Willen voraus. Ein geschulter Lehrer führt Dich Schritt für Schritt auf Deinem Weg durch die Programme des Systems.

 

Wille, Einstellung, Technik, Schnelligkeit und Kraft sind das Fundament des Erfolges in der Kunst der Selbstverteidigung. Alles was Du mitbringen musst ist 'Wille'. Der Wille ist die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, die Verantwortung für das eigene Handeln und somit die bewusste Entscheidung etwas erreichen zu wollen. Der Wille ist der Motor der Dich antreibt.

 

 

© Sifu Klaus Brand

Grandmaster of WingChun