Der Teil und das Ganze

GM Sifu K. Brand 2006

Gelegentlich begegnen mir auf Seminaren faszinierende Betrachtungsweisen des WingChun. Erst vor kurzem stand ich vor einem Rätsel. In der Pause eines meiner Seminare hatte ich ein Gespräch mit Vertretern eines anderen „WingChun“ Stils. Zu Beginn waren die Fragen der jungen Männer tatsächlich sehr interessant. Und da das Beantworten von Fragen mittlerweile zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen geworden ist, kamen wir zu einem Punkt, bei dem es einfach nicht weiter gehen sollte. Es ging um den logischen Aufbau eines Systems, den ich gerne anhand von Sinn und Zweck der einzelnen Programme und Sektionen erkläre. (Sektionen sind Übungsprogramme, die nur mit einem Partner trainierbar sind. Ziel ist es den Angriff des Gegenübers zu kontrollieren um selbst anzugreifen, vice versa. Sektionen haben einen genauen Ablauf, womit gewährleistet wird, dass keine einzige Bewegung jemals verloren geht. So wird nichts dem Zufall überlassen, da wir geliebte und ungeliebte Techniken gleichermaßen üben um Be-Wertungen gänzlich auszuschließen.) Denn jede Bewegung der Sektionen impliziert Sicherung, Kontrolle und Angriff. Die Chi Sao - Sektionen sind die Grundlage des WingChun und ziehen sich durch alle Graduierungsstufen, bis hin zu der des Meisters.

 

Und jetzt kommt die Pointe. Diese jungen Männer behaupteten nun allen Ernstes, in ihrem System währen die Sektionen abgeschafft und man konzentriere sich lediglich auf die einfachen Dinge und die Effektivität.

 

Hier war ich schier sprachlos. Nun brauchte es hunderte von Jahren, um ein Unterrichtsprogramm zu schaffen, das genau da einsetzt wo die so genannten einfachen Dinge, aus welchem Grund auch immer, nicht funktionieren. (Sind die einfachen Dinge nicht die, welche man kennt und die schwierigen, die, welche man nicht kennt?). Und genau das macht doch den fortgeschrittenen WingChun-Anwender aus, der selbstverständlich trainiert ist, den einfachsten aller Wege zu gehen, doch immer einen nächsten Weg kennt, falls ihm der Ursprüngliche versperrt ist. Nichts dem Zufall überlassen zu wollen, setzt voraus, dass alles, lückenlos geübt wurde. Lieblingstechniken gibt es nicht. Es gibt nur die richtige Technik, im richtigen Augenblick, frei von störenden Gedanken und Gefühlen.

 

Nun fragte ich die jungen Männer, wie gut sie die Sektionen können, die sie abgeschafft haben und blickte in verwunderte Gesichter. Ich sagte, dass sie doch nur abschaffen können, was sie besitzen und fügte hinzu „ich kann doch nicht behaupten ich hätte meinen Ferrari abgeschafft, weil er mir zu langsam war und später kommt heraus, das ich nie einen besaß.

 

Ich bin der Meinung, wenn man etwas abschafft, muss man es meisterlich können. Nur so, könnte ich diese Aussage akzeptieren.

 

Jetzt warte ich nur auf den Tag, an dem mir jemand erzählt, er hätte die Formen abgeschafft. (Formen bilden die Basis und das Fundament des Systems. Sie erklären die Bewegungsmechanik jeder einzelnen Technik, die wir später in den Sektionen, aufgrund optischer und taktiler Reize in den unterschiedlichsten Konstellationen zusammensetzen). Um eine solche Aussage zu verarbeiten, müsste ich mir sicher ein paar Tage Urlaub gönnen.

 

Die Quintessenz erscheint mir einfach. Da können ein paar Menschen nichts, außer draufhauen und behaupten nun einfach, sie hätten das was sie nicht wissen, oder nicht verstanden, abgeschafft. Was bleibt ist die Frage: weshalb nennt man diesen Stil dann eigentlich noch „WingChun“, oder so ähnlich. Könnte man diese Bezeichnung dann bitteschön nicht ebenfalls abschaffen. Das wäre wenigstens ehrlich und zur Beglückung aller professionellen Lehrer in allen Sparten der Kriegskunst WingChun.

 

Gruß an all meine Kollegen!

 

Sifu Klaus Brand  

Großmeister der Int. Academy of WingChun