NEWSLETTER 2/2014

Sifu R.Dahl 2014

Kampfsport oder Selbstverteidigung?

Ihre Entscheidung!

 

Etwas fällt mir seit Jahren des Unterrichtens von Selbstverteidigung immer mehr auf. In der heutigen Zeit ist die Trennung zwischen Selbstverteidigung und Kampfsport verloren gegangen. Es herrscht die gängige Meinung vor, dass Selbstverteidigung etwas mit Kampfsport zu tun haben muss und umgekehrt. Das der Kampfsport die allgemeine Selbstverteidigungsfähigkeit verbessert, trifft jedoch genauso zu, als wenn man behauptet Fußballspielen trainiert eine spezielle Fußtritt Fähigkeit. Ein Laie wird natürlich einen Zusammenhang zwischen Selbstverteidigung und Kampfsport herstellen, hat doch beides etwas mit schlagen und treten zu tun, also oberflächlich gesehen; einer körperliche Auseinandersetzung. Allerdings sind die Ausgangssituation und die Zielsetzungen völlig verschieden.

 

Nun, wie so oft klaffen hier die Meinungen von Laien und Experten auseinander.

Früher wusste jeder Kampfsportler, dass Kampfsport nicht zwangsläufig eine Auseinandersetzung auf der Straße verbessert. Selbstverteidigungstraining war in meiner Jugend immer nur ein kleiner Teil des Kampfsporttrainings und die Methoden dies innerhalb des jeweiligen Kampfsports zu trainieren waren begrenzt. Trainingsmethoden die einer Kampfsportart dienlich sind, sind für eine Selbstverteidigung nicht immer geeignet. Manche Trainingsmethode führen sogar zu einer Verringerung der Selbstverteidigungsfähigkeit. 

 

Für eine Steigerung dieser Fähigkeit bedarf es spezieller Trainingsmethoden. Seit Jahrzehnten ist dieses Wissen um die Differenzierung zwischen Selbstverteidigung und Kampfsport aber verloren gegangen und die nachfolgenden Generationen von Kampfsportlern haben diese vereinfachte, naive Logik eines Laien übernommen und denken sie würden auch Ihre Selbstverteidigungsfähigkeit schulen wenn sie Kampfsport trainieren. Als ich Mitte der 80er vom Kampfsport zum WingChun wechselte, war klar, WingChun ist eine Selbstverteidigungskunst und kein Kampfsport. Wie mir, war für viele, die vom Kampfsport zum WingChun wechselten diese Trennung völlig klar. Gerade die Tatsache eine Kunst, die sich rein mit Selbstverteidigung beschäftigt, gefunden zu haben, machte WingChun so attraktiv.

 

Ich, als professioneller Selbstverteidigung Lehrer, sehe mich gezwungen auf diese Unterscheidung wieder klar hinzuweisen, da es mir immer mehr auffällt dass sich Kampfsportler auch als Experten für Selbstverteidigung verstehen. Das ist falsch und führt oft zu Verwirrungen, da der Kampfsportler im Selbstverteidigungstraining auf seine lieb gewonnenen Schwerpunkte verzichten muss und statt dessen mit realitätsnahen Szenarien und harten Techniken konfrontiert wird.  

 

Mit den Definitionen: Kampfsport, Selbstverteidigung und deren Unterschiede möchte ich mich jetzt kurz befassen.

 

Beim Kampfsport geht es darum sich miteinander zu messen, indem gegeneinander gekämpft (verglichen) wird. Damit sich niemand übermäßig in Gefahr begibt, gibt es ein Regelwerk und Gewichtsklassen. Verletzungen und körperliche Schäden können auftreten, sind aber nicht das Ziel einer sportlichen Auseinandersetzung. Die Freude am Kampf ist also die treibende Kraft an der Ausübung eines Kampfsports. 

 

Ganz anders sieht es in einer realen Verteidigungssituation aus, hier ist das schnelle Beenden des Kampfes oberstes Ziel. In solch einer Situation ist es das Ziel des Angreifers dem Opfer einen körperlichen Schaden zuzufügen. Sie sehen an der Wortwahl ganz klar schon etwas heraus, in der Realität sieht der Aggressor sein gegenüber als Opfer und nicht als Gleichwertigen, mit dem er sich messen möchte.

 

Oberstes Ziel ist es in der Selbstverteidigung daher, seine oder anderer Unversehrtheit zu wahren. Mit diesem Verständnis, sollte es klar sein, dass das Training der Selbstverteidigung und des Kampfsports völlig unterschiedliche Ziele verfolgen. Daher sind auch unterschiedliche Trainingsmethoden notwendig. Diese sind zum Teil sogar gegensätzlich, zumindest jedoch nur bedingt zu vergleichen.

Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass der Kampfsport nicht auch seine Berechtigung hat.

 

Wer Freude am kämpferischen, sportlichen Vergleich hat, findet dort seine Erfüllung. 

 

Ich möchte vielmehr  nur darauf hinweisen, dass das Training der Selbstverteidigungsfähigkeit seine eigene Bedeutung hat und man beides nicht vermischen sollte. Denn sonst wird man nie ein Experte der Selbstverteidigung.

Man verfolgt also im Kampfsport und in der Selbstverteidigung unterschiedliche Ziele, dieses sollte man unbedingt berücksichtigen wenn man beides miteinander vergleichen möchte.

 

Wir haben im Moment in der Szene der Selbstverteidigung große Verwirrung, da viele beides unter einen Hut bringen wollen, die Freude am Kampf, auf der einen Seite und die unbedingte Wahrung von Gesundheit und Souveränität auf der anderen. 

 

Der Selbstverteidigungsexperte hat bestimmt keine Freude am Kampf, da er um dessen Hässlichkeit weiß. Wie im Kampfsport mit Hilfe von Regelwerk ein längerer Kampf präferiert wird, wird der Selbstverteidigungsexperte ein kurzes Kampfgeschehen anstreben, da mit der Länge des Kampfes auch das Risiko wächst.

 

In unserer heutigen Zeit gibt es den großen Trend der Individualisierung und der Spezialisierung. In unserer Szene ist das noch nicht angelangt, dort Versuch jeder alles, wie in einem Gemischtwarenladen an den Man zu bringen um alle Strömungen auf einmal zu bedienen. 

 

Wer jedoch sich für Selbstverteidigung entscheidet, wird an einer Spezialisierung nicht vorbeikommen, möchte er sich zum Experten machen.

Wer zum Beispiel schnell Laufen trainieren möchte, und zu diesem Zweck Fußballspielen geht, weil ihm das Laufen mit einem Ball gefällt, hat natürlich auch laufen trainiert. Zielführender wäre aber dann doch die Leichtathletik gewesen.

 

Es herrscht eine große Verwirrung in der Szene, jeder gibt sich als Fachmann aus, es wird für Interessenten der Selbstverteidigung immer schwieriger sich einen Überblick zu verschaffen.

 

Jetzt kann man immer sagen, warum soll ich ausgerechnet der Meinung von Sifu Ralph Dahl folgen. Andere, zumeist Kampfsportler, haben natürlich auch ihre Ansichten, die sich auf den ersten Blick auch schlüssig anhören. Es bleibt jedem, der sich für Selbstverteidigung interessiert, nichts anderes übrig als letztendlich, sich auf seine eigene Entscheidungsfähigkeit zu verlassen.

 

Das bleibt Ihrem persönlichen Urteilsvermögen überlassen, diese Arbeit kann Ihnen niemand abnehmen. 

 

Sifu Ralph Dahl